Google-Evangelist Vinton G. Cerf

Vinton G. Cerfs Beiträge zur Entwicklung des Internets in dessen Anfangstagen haben ihm den Beinamen als einer der „Väter des Internets“ verschafft. Seit 2005 ist Cerf Vizepräsident von Google und arbeitet dort als „Chief Internet Evangelist“. In dieser Funktion wurde er für seine Voraussagen bekannt, wie Technologie die Gesellschaft der Zukunft beeinflussen werde. Das betrifft etwa seine Ausführungen über Künstliche Intelligenz, Umweltschutz oder den Wandel der Fernsehbranche und ihres Bereitstellungsmodells.

Im Vorfeld des Internet Governance Forums 2019 in Berlin spricht Cerf im Interview über die Entwicklung des Internets, Strategien gegen schädigendes Verhalten und Grundideen für seine Regulierung.

Redefreiheit, Metriken und die Zukunft des Internets

„Zunächst müssen wir feststellen, dass es da draußen Menschen gibt, die Falsch- und Fehlinformationen verbreiten wollen. Sie wollen andere von Dingen überzeugen, die nicht wahr sind. Und sie tun dies aus verschiedenen Gründen, manchmal aus politischen, manchmal aus reiner Böswilligkeit.“ Cerf zufolge lässt sich das Problem nicht technisch bekämpfen. Vielmehr komme es darauf an, Menschen dafür zu sensibilisieren, kritisch über das nachzudenken, was sie sagen und hören – keine einfache Aufgabe.

Außerdem sieht Cerf ein weiteres Problem in den Funktionsweisen verbreiteter sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter und YouTube: „Wenn man die Kennzahlen betrachtet, die als Gradmesser des Erfolgs in sozialen Medien dienen, stellt man fest, dass diese bestimmte Verhaltensweisen begünstigen. Im Fall von Twitter geht es darum, wie viele Follower man hat, bei YouTube um die Anzahl der Klicks und bei Facebook um die Anzahl der Likes. Solche Metriken verleiten Menschen dazu, extreme Aussagen zu tätigen und extreme Videos zu veröffentlichen, allein um Aufmerksamkeit zu erzielen. Es gibt ein gesellschaftliches Problem mit der Nutzung dieser Medien und wir müssen lernen, es als Aufgabe der Bildung zu begreifen; vielleicht sogar etwas in Richtung einer Filterung zu unternehmen. Die Redefreiheit darf nicht die Freiheit beinhalten, andere zu schädigen.“

Angesprochen auf die unmittelbare Zukunft des Internets betont Cerf, wie stark die Zahl der Internetzugänge innerhalb kürzester Zeit angestiegen ist. Derzeit hat die Hälfte aller Menschen weltweit Zugang zum Internet. Cerf erwartet, dass dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren auf rund 80 Prozent steigen wird. Die Entwicklung geht einher mit stetig steigenden Bandbreiten.

„Das Internet der Dinge ist die Folge der höheren Bandbreiten im Netz. Es hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Einerseits werden intelligente Geräte dazu beitragen, unser Leben einfacher zu gestalten und Dinge selbsttätig für uns erledigen, so dass wir uns darum keine Gedanken mehr machen müssen. Andererseits können sie sich bei unausgereifter Software falsch verhalten, Fehler machen und Probleme oder Schlimmeres verursachen. Werden die Geräte nicht angemessen geschützt, können sie als Einfallstor für Angriffe aller Art missbraucht werden. Ich denke, wir sehen gerade einige solcher spektakulären Folgen. Im Ergebnis überschätzen wir die reale Wirkungsmacht dieser Technologien. Wir verlassen uns stärker auf sie, als wir sollten.“

Bessere Prinzipien und Mechanismen der Internet Governance erforderlich

Doch wie kann man die Nutzerinnen und Nutzer vor den negativen Aspekten des Internets schützen? Cerf verweist auf den Nutzen bestimmter Werkzeuge für die Anwendersicherheit: „Wir müssen Menschen helfen. Wir müssen ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um sich selbst zu schützen. Zum Beispiel über die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung. Damit wird ein zusätzliches kryptographisches Passwort auf einem weiteren Gerät erstellt. Wenn ich mich in meine Google-Accounts einloggen möchte, verwende ich dieses Werkzeug, da ich der einzige bin, der ein bestimmtes Gerät nutzt. Jemand anders findet vielleicht meinen Benutzernamen und mein Passwort heraus, hat aber nicht dasselbe physische Gerät, und das schützt mich.“

Zudem verweist Cerf auf die Notwendigkeit, Risiken des Internets als Teil der allgemeinen Bildung zu betrachten. „Aus demselben Grund, aus dem wir kleinen Kindern beibringen, in beide Richtungen zu schauen, bevor sie eine Straße überqueren, sollten wir in beide Richtungen schauen, bevor wir ins Internet gehen. Wir müssen den Menschen beibringen, weshalb dieses Verhalten wichtig ist und wie sie es einüben, so dass sie sich selbst fragen: Wo kam diese Information her? Gibt es Belege? Hatte jemand einen besonderen Anreiz, eine bestimmte Information in das System einzuspeisen und wozu versucht man mich vielleicht damit zu bewegen?“

Zugleich ist Vint Cerf der Ansicht, dass weltweite regulatorische Maßnahmen unseren Umgang im Internet verbessern können. „Derzeit sehen wir sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte, wobei die negativen im Moment klarer sichtbar werden. Deshalb wünschen wir uns auch bessere Prinzipien und Mechanismen der Governance, die international gültig sein müssen. Da die Schäden in einem bestimmten Rechtssystem ihren Anfang nehmen können und das Opfer möglicherweise in einem anderen ansässig ist, müssen wir untereinander kooperieren, um die Menschen vor Schaden im Internet zu bewahren.“